„Hallo Darmstadt!“ – Junior Pedro erzählt seine Geschichte

Der Artikel „Mon Histoire“ ist ein Auszug aus der Zeitung „Hallo Darmstadt!“, die Sie hier komplett durchblättern und herunterladen können.

 

Mon Histoire

Am 26. Mai 2016 demonstrierte ich mit vielen Freunden und Nachbarn für den Rücktritt des derzeitigen Präsidenten. Bei der Demo wurden viele Menschen getötet. Viele wurden mit heißem Wasser beschüttet und Pfefferspray kam zum Einsatz. Die Situation geriet außer Kontrolle, also versteckte ich mich bei meinen Nachbarn, um dem Tod zu entkommen. Als es ruhiger wurde, rannte ich schnell nach Hause. Es war sehr spät und meine Mutter war sehr wütend und besorgt, weil sie mitbekommen hatte, dass mehrere Freunde von mir bei der Demo ums Leben kamen. Sie war sehr aufgebracht und schickte mich schlafen und verbot mir, nochmals auf die Straße zu gehen.

Ich kann mich nicht mehr an die Uhrzeit erinnern, aber spät in der Nacht klopfte es an unserem Tor. Meine Mutter öffnete und ich hörte viele fremde Stimmen nach mir fragen. Sie sagte den Männern, ich sei nicht zurückgekommen. Daraufhin bedrohten sie meine Mutter, sie umzubringen, wenn sie mich nicht hervorbringt. Noch nie in meinem Leben hatte ich solch eine Angst. Weinend rief mich meine Mutter und mir blieb nichts anderes übrig, als raus zu kommen. Hätte ich mich geweigert oder wäre ich weggelaufen, hätten diese Männer meine Mutter getötet und das wollte ich nicht.

Als ich auf unserem Hof erschien, lief einer dieser Männer wütend auf mich zu und legte mir Handschellen an. Während ein anderer mir die Augen verband. Ich kämpfte mit meinen Tränen, aber mein Vater hatte uns immer gesagt, dass ein Mann niemals weint, selbst wenn der Tod vor seiner Tür steht. Meine Mutter schrie und bettelte die Männer an, mich frei zu lassen und sie sagte wiederholt: „Warum?“. Ich hörte, wie die Nachbarn aus ihren Häusern kamen, aber keiner half mir.Ich stieg mit diesen Männern in ein Auto und wurde an einen Ort gebracht, wo viele Menschen eingesperrt waren. Mir wurden die Handschellen und die Augenbinde abgenommen.
Ein Mann stupste mich in einen Raum der von Menschen überfüllt war. Es war sehr dunkel und ich konnte nicht viel erkennen. Mir wurde nur gesagt, wer hier reinkommt, wird auch hier sterben. Ich erfuhr von anderen Gefangenen, dass meine Freunde mit denen ich demonstriert hatte auch hier waren, mich verraten haben und erzählt haben, dass ich die Demo in Gang setzte und alle dazu überredet haben soll. Daraufhin wurden sie umgebracht. Ich wusste, dass dies mein Todesurteil war. In regelmäßigen Abständen wurden Menschen vor mir getötet. Ich wurde gefoltert und mit heißen Gegenständen verbrannt. Nach zehn Tagen ohne Essen wurde ich gerufen. Ein Mann machte die Tür zu unserem Raum auf und rief meinen Namen. Ich dachte zunächst, ich würde träumen. Ich hatte überall Schmerzen, stand auf und ging auf den Mann zu. Er befahl mir, ihm zu folgen, es war sehr dunkel. Er setzte mich in seinen Wagen und sagte, er wird mir helfen.

Ich war eine Nacht in seinem Haus, er sagte nur, dass meine Mutter ihm alles erzählt hat. Als er das hörte, wusste er, wo er mich finden wird. Heute denke ich, dass er mich frei kaufte, aber er sagte mir nicht seinen Namen. Am Morgen des 6. Juni 2016 kam ein anderer Mann der mich nach Kanada bringen sollte. Dieser Mann, bei dem ich die nächste Nacht verbrachte, sagte, ich solle keine Fragen stellen und einfach gehorchen und mich darauf verlassen, dass ich ein besseres Leben bekomme. Der neue Mann gab mir Kleidung und wir gingen zum Ufer eines Flusses und wir fuhren mit dem Boot nach Brazzaville. Dort ging es weiter mit einem Taxi zum Flughafen. Der Mann sprach kein Wort mit mir, und wenn er etwas sagte, dann nur, dass ich ihm keine Fragen stellen und einfach nur gehorchen soll. Ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde, aber ich gehorchte aus Angst. Von Brazzaville ging es nach Äthiopien, dann fuhren wir zum Flughafen. Dort sagte der Mann, er hätte meinen Pass, den gab er mir, als wir durch die Kontrolle gingen. Ich durfte mir die Papiere nicht anschauen, denn er drohte mir, mich zurückzuschicken, wenn ich das tue. Ich schaute mir die Papiere nicht an und ich musste sie ihm danach sofort wieder geben. Er sagte, dass wir nach Deutschland fliegen, dort einen Zwischenstopp machen und dann weiter nach Kanada fliegen würden. Als wir in Deutschland ankamen, gab der Mann mir wieder meinen Pass, den ich ihm wieder zurückgeben musste. Wir gingen durch die Kontrolle und waren im Flughafen. Dort setzte mich der Mann auf eine Bank und sagte, er hole uns was zu essen und dann ginge es weiter nach Kanada. Ich wartete stundenlang, aber er kehrte nicht zurück. Ich schaute mich um und versuchte ihn zu suchen. Ich sah zwei afrikanische Männer und hörte, wie sie französisch sprachen. Ich näherte mich an, versuchte nach Hilfe zu fragen und erzählte ihnen was geschehen war. Die Männer sagten, ich solle schnell hier weg, sonst drohe Festnahme und Rückflug in den Kongo, da ich keinen Pass habe. Sie setzten mich in einen Zug und sagten, ich soll aussteigen, wenn der Zug nicht mehr weiterfährt und alle aussteigen. In Darmstadt angekommen versuchte ich wieder jemanden zu finden, der meine Sprache versteht. Ein afrikanischer Mann brachte mich vor ein Gebäude und sagte, wenn ich angesprochen werde, soll ich „Asyl“ sagen, hier bräuchte ich keine Angst haben, hier sei ich sicher. Ich wurde in ein Taxi gesetzt Richtung Schiebelhuthweg.

Ich bin sehr sehr dankbar, dass ich hier aufgenommen wurde, für die Herzlichkeit, die ich bekam und dass ich hier eine neue „Familie“ gefunden habe. Alle hier werden zurückbekommen, was sie für mich getan haben!

Junior Pedro, 15 Jahre, aus dem Kongo